Clubw71's Blog

15. Mai 2012

Einsortiert unter: Konzertkritik — clubw71 @ 23:22

Hier die Konzertkritik zu Seval von Bettina Semrau aus dem FNWeb

Intimer und inspirierender Grenzgang

Weikersheim. Wenn der club w 71 zum Jazzkonzert einlädt, nehmen Liebhaber auch die Anreise aus Nürnberg in Kauf. Die Szene weiß, dass Hochkarätiges zu erwarten ist. Natürlich ist ein Dienstag nicht gerade ein perfekter Termin, da aber “Seval” zwischen Auftritten in Stockholm, Antwerpen, Amsterdam, Brüssel, Posen und Wels nur an diesem Dienstag noch einen Termin fürs Club-Publikum – übrigens den einzigen in Deutschland – einschieben konnte, verließ sich das Organisationsteam auf sein Spezialpublikum. Erfolgreich: 30 Besucher erlebten einen Abend der besonderen Art.

Es ist unglaublich, was die 24-jährige Sofia Jernberg mit ihrer Stimme anfängt, und es ist faszinierend, was Fred Leonberg-Holm (Cello), Patric Thorman (Bass), Emil Strandberg (Trompete) und David Stackenas (Gitarre) aus ihren Instrumenten herauskitzeln.

Seval ist eine noch junge Formation: Fred Leonberg-Holm – im Club kein Unbekannter, der sein Cello bei diesen Gelegenheiten allerdings eher als experimentelles Rockinstrument neben Schlagzeug und Peter Brötzmanns unnachahmlichem Saxophon in Stellung brachte – und Sofia Jernberg entwickelten die Idee gemeinsam. Leonberg-Holm steuerte seine Kompositionen bei, Sofia ihre Stimme, die alles kann: hauchen, schreien, schweben, umwerfen, keckern wie Seemöwen, sirren wie Sand, das Ganze mit einer Oktaven-Ausdehnung, die manche Operndiva neidisch machen könnte.

Seval – vier etablierte schwedische Jazz-Musiker und der Chicagoer Cellist – gestaltet in freien Arrangements und nahezu Vollimprovisation auf der Basis von Leonberg-Holms Kompositionen regelrechte Soundlandschaften, Klangräume, die sich von Konzert zu Konzert, je nach Publikum, völlig unterschiedlich entwickeln können.

Wie vielfältig dabei die Soundmöglichkeiten sind, erlebte das extrem aufmerksame Publikum – Stecknadeln hätte man fallen hören können in den Momenten der Stille – bereits nach dem ersten Stück. Aus ihren rein akustischen Instrumente kneten, ratschen, klopfen, streichen und klopfen sie, ohne sich dabei je in Stapeltönen oder Schleifen zu verlieren, höchst überraschende Harmonien und komplexe Aussagen heraus, die kaum machbar zu sein scheinen. Da werden Cello und Bass von der Schnecke bis zum Stachel bespielt, da schiebt Thormann den Bass über die Fliesen, da setzt Leonberg-Holm den Bogen nicht nur auf den Saiten, sondern auch an Deckenrand und Stachel ein; da lässt Stackenas – auch er im Club kein Unbekannter – die Saiten sirren, klirren, hüpfen, schafft eine Tonerfahrung, in die man wohl versinken kann, die sich jedoch erfolgreich Beschreibungsversuchen widersetzt. Auch Strandberg kreiert in gewagten Grenztänzeleien, die nie zu scheitern scheinen, ein völlig neues Trompetenklangbild.

Jederzeit traut man ihnen zu, aus der freien Improvisation in fest strukturierte anspruchsvolle traditionelle oder zeitgenössische Klassik zu wechseln, die in mikrofeinen Zitatpartikeln immer wieder mitklingen. Jederzeit ist man auf alles gefasst und stets wieder überrascht: Berührend, faszinierend, melodiös, seidenweich, fordernd, voller Power von windhauchfeinem Gräserwehen bis zur Soundekstase, ganz strange und hoch inspirierend bewegt sich Seval zwischen Pop und Free Jazz, Kammermusik und akustischem Experiment.

Die Titel der letzten beiden Songs “Don’t forget” und “It may be too late” bringen auf den Punkt, was das Publikum nach dem anderthalbstündigen Konzert mitnimmt: Ein unvergessliches, nicht wiederholbares, sehr intimes und intensives Klangerlebnis, bei dem alle, die nicht da waren, mit dem “zu spät” leben müssen.
© Fränkische Nachrichten, Samstag, 12.05.2012

17. Februar 2012

ADA-Trio: Peter Brötzmann, Fred Lonberg-Holm, Paal Nilssen-Love

Einsortiert unter: Free Jazz,Konzertkritik — clubw71 @ 21:01
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Rigo (bad alchemy) hat wieder die passenden Worte zu diesem wunderbaren Konzert gefunden:

ADA or Ardor

Naja, wegen Nabokov sind wir eigentlich nicht unterwegs, am Mittwoch, dem
15.2.2012, auf der B 19 nach Weikersheim, auf der wider Erwarten eine kleine
Schneedecke unsere Anfahrt verlangsamt. Aber Schmetterlinge habe ich schon im Bauch.
Als ein Wintergewitterchen Blitze um sich wirft, zuckt der Gedanke mit: Ach, das Objekt
unserer Begierde ist noch beim Soundcheck. Unsere ADAs haben ihren Namen von einem
Club in Double V Upper Valley und einem dortigen Heimspiel von PETER BRÖTZMANN mit
PAAL NILSSEN-LOVE und FRED LONBERG-HOLM. Brötzmann im W71 ist natürlich auch
ein Heimspiel, sein 11. Auftritt im tauberfränkischen Partnerstädtchen von Chicago, Oslo
und Wuppertal. Mit der Rotwein- und Kuchengemütlichkeit ist es vorbei, als Brötzmann mit
einem Blick Richtung Paal und Fred Captain Picards Kommando “Energie!” gibt und Kurs
auf das Herz der Sonne nimmt. Nach nur wenigen Takten ist das Tenorsax auf höchster
Betriebstemperatur. Eine gute halbe Stunde später hat Brötzmann immer noch keinen
Schweißtropfen auf der Stirn. Dabei strahlt und gießt er mit weißglühenden Tönen bis zum
hohen C eine Intensität und Energie aus, die aber wie die Protuberanzen der Sonne keine
Arbeit zu sein scheint, sondern sein überschießendes Wesen. 3 Wochen vor seinem 71.
Geburtstag wirkt der große Feuersalamander beeindruckend feuerfest. Seine heißkalten
Echsenzungenküsse überschauern mich mit Gänsehaut. Nilssen-Love, den Kopf in seiner
typischen Manier ins Profil gedreht, blitzgewittert dazu, dass auf seinem taubengrauen
Hemd bald Hyänentüpfel blühen. Was er da knattert und ins Rollen bringt, manchmal so
groovy wie Han Bennink, öfters aber mit seinen eigenen Maximalismen, verwandelt mich in
einen Wackeldackel, der zugleich verwundert den Kopf schütteln und Headbangen muss.
Der Reihe vor uns, soweit sie nicht anerkennend grinst wie Rudi, geht es offenbar ebenso.
Der Norweger rummst gewittrige Kaskaden, rock’n'rollt mit Holz und Filz, kreuzfeuert
knallhart aus den Handgelenken. Die Becken zischen, als würde er den Hund in der
Pfanne mit Wasser bespritzen, er kratzt das Cymbal bis es quietscht, boingt den Gong,
das volle Programm. Der Cellist aus Chicago, ein magerer Hering mit Wollmütze, braucht
ein Weile, um sich ins Geschehen hinein zu fingern. Mit dem Bogen, der die Haare an
beiden Enden sträubt, sägt er dann aber richtig dicke Bretter, dass es nur so staubt. Er
arbeitet mit Hochdruck, schrill, raspelig, durchdringend. Zudem schraubt er an Effektschaltern
und ist auch elektronisch präsent, um ein Drumsolo rumorend zu unterstützen.
Er und Nilssen-Love und der wiederum mit Brötzmann kosten nämlich lieber ihre Lust am
Zusammenklang aus, als zu monologisieren. Wie das Saxophon da kakophone Celloschraffuren
imitierend aufgreift, ist nur ein Höhepunkt von vielen. Brötzmanns Tárogatótriller
im zweiten Set sind das einzige A capella-Solo, und was für ein poetisches dazu.
Raue Schale, weicher Kern wäre dafür zu banal gesagt. Der Gänsehautgarant ist vielmehr
dieses souveräne Changieren zwischen furiosem Drive und harmonischen, gefühlsechten,
inbrünstigen Unterströmungen. Lonberg-Holm schrappelt inzwischen Gitarre, eine 4-,
upps, eine 3-saitige. Nicht zufällig enden die einzelnen Spannungsbögen hauchzart. So
dass jeder Lauscher, jede Lauscherin, den Atem anhält bis Nilssen-Love das vibrierende
Becken stoppt. Draußen Glatteis. Aber was juckt das uns in Feuer und Flammen versetzte
Heimkehrer. ‘Ardor’, Glut, heißt es bei Nabokov. So wie wir nach dieser Brötzifikation
müssen sich die Apostel an Pfingsten gefühlt haben.

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