Clubw71's Blog

Xu Fengxia & Li Tieqiao am 13.12.09

war ein klasse Konzert! Leider hat niemand fotographiert, oder doch?

Hier die Eindrücke von Rigobert Dittmann (bad alchemy). Danke, Rigo!

XU & LI

Dass man sich China nicht mehr als Eierfabrik oder Ameisenhaufen vorstellen darf, wird bei dieser Begegnung am 13.12.2009 in Weikersheim überdeutlich. Sie, XU FENGXIA, kommt, als Hälfte des Himmels, aus Paderborn, wo sie seit 1991 ihr Shanghaier Temperament westfälisch tönt. Er, LI TIEQIAO, kommt als ‚Free Man‘, ursprünglich aus Hunan, nach zwei Jahren in Oslo agiert er seit 2007 wieder in Beijing. Sie im goldenen Hosenanzug spielt Guzheng, ein Mordsdrum Zither, und im zweiten Set die Langhalslaute Sanxian. Er, zierlich und jung für seine 36 Jahre, bläst Altosaxophon mit den Plops und der rauen Echsenzunge eines Mats Gustafsson oder auf dem Mundstück wie John Zorn einst seine Vogelpfeifen. Als Autodidakt hat er, wie er anschließend bei einem Glas Rotwein erzählt, das Freispiel neu erfunden, bis ihn der ‚Wind of Lunacy‘ (so heißt sein elektronisch aufgemischtes, noisiges Solodebut) der Brotherhood of Wild Men zuwehte. Zurück in Beijing weht ebenfalls ein unverhofft neuer Wind, der dem von Li mitinitiierten Sally can‘t dance-Festival und den monatlichen Clubveranstaltungen mit freier Musik inzwischen ohne ständige Oberaufsicht der Ordnungsmacht ein neugieriges Studentenpublikum beschert. Es gibt da offenbar, verstärkt seit den Olympischen Spielen 2008, eine weltoffene und selbstbewusste Künstlerszene aus Malern, Video- und Tanztheatermachern wie etwa das XIN-ACT-LAB, dem Li sich angeschlossen hat.

Der Abend beginnt mit einem Duett der denkbar untraditionell geplonkten Guzheng und freier Altoimprovisation, bei dem man spürt, dass die beiden so ungleichen Landsleute bei ihrem erst zweiten Zusammenspiel sich noch intuitiv zusammentasten müssen für eine gemeinsame Sache. Danach greift Xu zum Geigenbogen, spielt arco und stimmt dazu ein zunehmend soghaftes Mantra wie aus dem Buch Dzyan an, das Li rau und kernig akzentuiert, auch mit unterschwelliger Melodiösität. Für ihre zarten Lyrismen spielt er nur den Wind. Bei seinem anschließenden Solo wird das Doppelbödige seiner Spielweise so richtig deutlich, die extended technique mit Spaltklängen und Flatterzunge, die harten Plops, aber immer wieder auch Anflüge von Melodiefetzen und fast marsch- oder rockartigem Puls, ohne sich ‚gehen zu lassen‘. Er nennt das dann ausdrücklich das Statement eines ‚Free Man‘.

Den zweiten Teil beginnt Xu dann allein als die bizarrste, entgrenzteste Liedermacherin, die man sich denken kann. Sie spielt ihre Laute mit größerer und beiläufigerer Virtuosität als so mancher stolze Gitarrenwichser, mit verblüffenden Glissandos, mit Intervallsprüngen wie ein Rodeobronco.  Sie mischt Fandango und Farenga zu Bluegrassgeschrappel im Gabbertempo, Und dazu singt sie – lauthals – als Gestaltwandlerin im Minutentakt ein Xu-Potpourri, jetzt mongolische Amazone, nun Farinelli der Pekingoper, dann Schamanin im Pilzdelirium undundund. Das abschließende Duett variiert und steigert diesen Höhepunkt und wird zurecht mit einem „Saugut!“ aus dem Publikum quittiert. Jetzt sind die beiden zusammen wie Chang und Eng. Sie zieht alle vokalen Register, akzentuiert das Auf und Ab der Töne wie mit Gebärdensprache, scattet dadaistisch, zerkaut Silben wie ein zungenrednerisches Medium, jubiliert Verse von Global Village-Folksongs und babylonische Arien, heult als Sirene (Feuerwehr, nicht Odysseus). Und Li, inzwischen mit keckem Hut, trifft jetzt, quäkend nur auf dem Mundstück, genau den richtigen, einen kongenial schrägen und quirligen Ton. Aber was für ein Weib! Man bekommt ganz neue Gedanken über Paderborn.

(rigobert dittmann/bad alchemy)

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