Nov 6 2008: In Memorian Albert Ayler

IN MEMORIAM ALBERT AYLER

Was da als Reminiszenz an das Erbe des großen, 1970 umgekommenen Geisterbeschwörers und Musiktherapeuten gedacht war, verwandelte sich an diesem Donnerstag, den 6. Nov. 2008, im Weikersheimer w 71 aus aktuellem Anlass in einen Lobgesang auf einen zweiten Helden – Obama Obama Obama – und einen Freudentanz über die Möglichkeit, nein, die Gewissheit, dass sich Dinge ändern. Die eine der Spontankreationen des entsprechend beschwingten Quartetts mit dem aus allen Rohren von Pocket Trumpet über Trompete und Flügelhorn bis Querflöte pustenden ROY CAMPBELL, JOE MCPHEE mit Hut und pinker Krawatte an Pocket Trumpet & Tenorsaxophon, WILLIAM PARKER an seinem mit rotem Mäntelchen gewärmten Kontrabass und dem verschmitzten WARREN SMITH an den Drums hieß daher ‚Change‘, die andere ‚We Got It!‘. Mit den Jahrgängen 1952, 1939, ebenfalls 1952 und 1934 summierte sich hier eine Lebenserfahrung, die im „craziest land of the world“, wie McPhee es nannte, oft mit gemischten und nicht selten bitteren Gefühlen einher gegangen war. Dass jeder, wenn er nur fleißig lernt, einmal sogar Präsident des ‚Land of the Free‘ werden könnte, war dabei einer der Sprüche, die einem den Unterschied zwischen dem American Dream und dem Erwachen daraus, spüren ließen. Und jetzt hatte, unglaublicher als wenn Weihnachtsmann und Osterhase Arm in Arm zur Tür herein kämen, es ‚einer von ihnen‘ doch geschafft. Das Quartett, in dem sich Kräfte bündelten, die ansonsten sich ausleben in Other Dimensions In Music, Nu Band, Spring Heel Jack, Trio X, Survival Unit III, Die Like A Dog, The Little Huey Creative Music Orchestra und M‘Boom, verband spontan den Triumph der Gegenwart über die übrige Zeit mit Aylers Oh! Love Of Live und seinem Mantra: Music is the healing force of the Universe. 
Campbell spricht diese Zeilen, mit herrlich verschlepptem Tempo, zu Beginn und, dann auch von McPhee brüderlich angefeuert, als Abschluss der kleinen Gedenkveranstaltung, die als Generalprobe für den Aufritt beim Unlimited22 in Wels vom SWR2 für die Jazz Now-Reihe mitgeschnitten wurde. Was dazwischen, aufgeteilt in zwei Sets, sich abspielt, ist schlicht und ergreifend herzerwärmend. McPhee und Campbell improvisieren über ‚D.C.‘, ‚Spirits‘, ‚Angels‘, ‚Our Prayer‘ und einiges mehr, luftig, ohne zu forcieren, aber mit feinem Gespür und verblüffend gelassenem Timing beim Spannungsaufbau. Man bekommt ausgiebig Gelegenheit, Parkers faszinierendes Arcospiel und seine Glissandos zu bestaunen und Smith klackt und rappelt sich mit seinem sympathisch simplen Drumset, seinen Triangelpings und Rasselshakes so in Feuer, dass er die große Tom umkippt. Dazu wechselt Campbell mit dem Rohr die Klangfarben und nuanciert die noch per Dämpfer, er wischt sich nach besonders pfeffrigen Statements die bitzelnden Lippen, und den Schweiß mit einem großen Sachmo-Tuch, ruft hier ein Yeah und dort ein Amen, macht sich immer wieder Notizen. Und schon kann man sie deutlich spüren, die guten Geister, ob Engel oder Musen oder einfach nur Good Vibrations. ‚Our Prayer‘ ist ein absoluter Höhepunkt und verbindet sich mit dem Wunsch, dass mit Obama die Dinge sich nachhaltig zum Besseren wenden. Wann kann man sonst solch vergnügt verquietschte Duette von Pocket Trumpets hören? McPhee hält sein Trompetchen wie ein Kätzchen in den Armen und wartet auf den rechten Moment, um mit sanften Nachdruck erst kleine Flammen zu spucken und dann auch auf dem Tenorsax die frohe Botschaft zu verkünden, dass Music Life ist und das Leben Musik. Mitten in ‚Our Prayer‘, mit seiner Kette von Chorusen eine wahre Herzensangelegenheit, öffnet sich sein Mund für einen überblasenen Schrei, der einem durch und durch geht. Und dann stimmt er auch noch ‚Goin‘ Home‘ an, quasi seine Erkennungsmelodie, die, zart wie ein Wiegenlied, davon flüstert, dass, wenn die Wahrheit einkehrt oder die Heiligen einmarschieren, es eine Heimkehr ist (in die Heimat, in der noch niemand war, würde Ernst Bloch wispern). Vom Geist Albert Aylers beflügelt, zeigen die Vier mit ihrer Mischung aus Tradition, Inspiration und Vision, in der Pathos immer mit Verspieltheit verschwistert ist, sich tatsächlich als ‚teachers & bringers of great humor, light, love, power, and joy‘ (wie Daniel Carter mal den Beruf von Seinesgleichen bezeichnet hat). Ihre Körpersprache, ihr Timing, der kecke Blick eines 74-jährigen in seinem Element, das ausgelassene Freudentänzchen, solche Denkwürdigkeiten bestätigten einmal mehr den w 71 als ‚unser kleines Jerusalem‘. 
PS: Aus Würzburg, der Kulturmetropole Unterfrankens, waren 3 (in Worten: drei) Hansel angepilgert. Nur Nichtwürzburger finden das etwas seltsam.

Text von Rigobert Dittmann

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