Jason Stein´s Locksmith Isidore aus Chicago

Einige Zeit konnte der Fotograf nicht in den Club kommen. Dafür war´s dann doch wieder ein sehr schönes, wenn auch für den Club eher „altmodisches“ Konzert zwischen Free und Tradition. Schorle

Und hier gleich noch das Protokoll unseres Protokollführers rigobert dittmann/bad alchemy. Viel Spaß beim Lesen und Erinnern!

Der ungewöhnliche Name Jason Stein‘s Locksmith Isidore erinnert an Steins russisch-jüdischen Großvater. Der 33-jährige Bassklarinettist, der sich – zuletzt mit einem Solorelease auf Leo Records – in der Chicago-Szene profilierte, hat von dort auch den Kontrabassisten Jason Roebke mitgebracht in den trotz Winterwetter am 15.01.2010 erfreulich besetzten Club der Clubs. Zusammen mit Mike Pride an den Drums, einem unbändigen Aktivisten der New Yorker Polystilistik, dem nur Mantel und Degen zum verwegenen Musketier fehlen, spielen sie für w71Verhältnisse ungewohnt dezente Kompositionen von Stein. Wobei ‚dezent‘ es nicht ganz trifft. Das ist nämlich der Clou dieses Abends, der nur scheinbar Jazz auf Rotwein reimt, mit Besenstrichen, Summtönen und Pizzikatos von Roebke, der sich kugelköpfig über sein Instrument krümmt, dass ihm der rote Hemdkragen bis zu den Ohren hoch rutscht. Er trägt nicht umsonst eine ebenso intellektuelle Brille wie Stein, der unter seinen Geheimratsecken Musik ausgeheckt hat, die, wenn auch nicht ganz so ultracool wie der ‚Chicago Approach‘ von Guillermo Gregorio, die kammerjazzigen Anregungen von Steve Lacy und Jimmy Giuffre mit der Initialzündung durch Eric Dolphy verknüpft. Lacy wird tatsächlich im sopranohellen ‚Stevenesque‘ vergegenwärtigt, einem von mehreren Stücken von der aktuellen Clean Feed-CD Three Less Than Between. Dazu kommen welche vom Vorgängeralbum A Calculus of Loss  und zum Auftakt des zweiten Sets ein von normal virtuos zu extrem virtuos gesteigertes Bassklarinettensolo. Genau genommen ist‘s ein Duett, denn ein musikalischer Vierbeiner fühlt sich zum Mitbellen animiert. Stein nimmt‘s gelassen. Einiges ist ganz neu, wie ‚Little Bird‘, wobei Prides Stuhl inmitten des stecknadelfeinen Pianissimo so laut knarzt, dass sich die Ergänzung ‚…with wooden leg‘ anbietet. Poesie und Feinsinn sind aber nicht alles, was die Drei da bieten, die Sache ist verzwickter. Die Stücke nehmen unerwartete Wendungen, neben den Fingerspitzen kommen auch Hagelschlag  und Fuchsschwanz zum Einsatz – Roebkes Bogen sträubt sämtliche Haare. Bestaunt man in einem Moment noch die Figuren, die er fast unhörbar auf den Korpus fingert, oder dass Pride im Bass-Drum-Duett mit einem Stöckchen tickelt, nicht größer als ein Räucherstäbchen, so folgen im nächsten Atemzug schon wieder unregelmäßige Rappel- und Sägelaute zu Steins gutturalem Geknurre, Gekecker oder hymnischem Überblasblues. Zwischen abgezirkelte Figuren, die Pride stirnrunzelnde Blicke aufs Notenblatt abverlangen, und die auf Steins Fingerzeig nach 6 oder 8 Minuten als Reprise wiederkehren, sind dann auch nicht bloß Reihumsolos eingestreut.  Trumpf sind statt dessen flockige Interaktionen, wie ein Text mit Fußnoten, und der Lyrismus, der per Bassklarinette sowieso wie die Venus im Pelz daher kommt, geht einher mit prickelndem Synapsenkitzel. Geistreiche Musik, die heiter stimmt, was will man mehr? Pride ist dabei ein effektvoller Unruheherd, der, auch wenn er seine finstere Doom-Seite ganz verbirgt, knackfrisch das, was er Freispielaltmeistern wie Milford Graves und Han Bennink ablauschte, ins Spiel bringt. Die einhellige Zustimmung wurde mit einem neuen Stück als Encore belohnt. Unsere beschwingte Heimfahrt stand daher auch nicht unter dem Motto ‚Wer Hunde und kleine Vögel hasst…‘, sondern ‚Genug ist nicht genug‘.