Ingrid Laubrock & Anti-House

22.1.2011
Die SWR-Jazzpreisträgerin 2009 Ingrid Laubrock (sax) mit John Hébert (b), Tom Rainey (dr) und Mary Halvorson (g).

ANTI-HOUSE (Kritik von Rigobert Dittmann)

Der innere Widerspruch ist Programm an diesem Samstagabend, dem 22.01.2011 in Weikersheim. Geboten wird NowJazz, komponiert von der Saxophonistin Ingrid Laubrock, aufgeführt mit einem New Yorker Quartett mit der Gitarristin Mary Halvorson, dem Kontrabassisten John Hébert und dem Drummer Tom Rainey. Wenn Jazz aus Improvisation besteht, dann wäre das zu ca. 80% kein Jazz. Wenn Improvisation aber auch nur ein Mittel ist? Dessen Ziel hier darin bestünde, Coolness und Sophistication eine Form zu geben? Ich höre bei Laubrocks Konstrukten etwas, das die Intellektualität der Bebopper und der Tristano-Schule auf einen gemeinsamen Nenner bringt und über den kammerjazzigen Daumen peilt von Jimmy Giuffre bis Jason Stein‘s Locksmith Isidore. Vielleicht könnte man sagen, dass sie die Sache aus einer postmodernen Perspektive angeht und dabei Montagetechniken nutzt für ein trickreiches und sprunghaftes Flippern mit der Jazztradition? So dass – ohne direkte Zitate – punktuell Bepob-Virtuosität anklingt, verfugt mit cooler Kubistik. Gleich der Auftakt ist ein Kreuzspiel, in der Mittelachse Saxophon und Schlagzeug, gegenläufig dazu die Querachse aus Bass und Gitarre. Solche Pärchen und Dreiecke ersetzen vollständig den herkömmlichen Jazzreigen aus Head-Solo-Solo-Head. Das einzige Solo von Hébert, einem weiteren Mitglied der kahlen Brüder am Bass (Kessler, Flaten, Roebke etc.), wird dabei bestimmt durch die Länge seiner Nase. Eine Krabbelpassage, ein Mittelteil aus gezogenen und verbogenen Glissandos und die Reprise des manischen Pizzikatoteils sind jeweils terminiert durch den Punkt ohne Wiederkehr, an den seine Brille bis zur Absturzkante gerutscht ist. Oder ist das ein geplantes Spannungselement? Rainey, mit Jahrgang 1957 der Erfahrenste und mir im Kontext mit Tim Berne und Simon Nabatov ein Begriff, erweist sich, trotz permanent hängender Mundwinkel, als einer, dessen speckfreier Finessenreichtum einem erst live so richtig bewusst wird. Ganz ohne perkussiven Krimskrams variiert er seine binnenrhythmischen Verwirbelungen mit Holz, Filz und Metall, spielt ein Stück fast nur auf Fell, das andere fast nur auf Blech oder sogar mit bloßen Händen. Zweimal überrascht er mit furiosem ‚Big Bang‘, dass die Zimmerlautstärke überkocht, dazwischen rührt er einen Groove mit rockigem Windmühlenloop. Für geräuschhaft improvisierte Passagen rüttelt er einfach mit dem Trommelgehäuse, oder er setzt das Cymbal als Topfdeckel ein. Highlight ist bei der Zugabe ein feines Ticktack auf Kaffeetasse und Rotweinglas. Gespielt werden Stücke der aktuellen Intakt-CD – ‚Betterboon‘ als Auftakt des zweiten Sets, ‚Tom Can‘t Sleep‘, ‚Oh Yes‘, anderes hat vorläufig noch Arbeitstitel – ‚Ballade‘… Halvorson, wie üblich etwas verfroren wirkend, pickt ihre Hollow-Body-Gitarre notenkonzentriert und cool wie Billy Bauer, und plötzlich stehen die Töne Kopf und krümmen sich wie krumme Hunde. Dabei verzieht sie keine Miene und tut grad, als wär das das Selbstverständlichste, was man mit der Gitarre macht. Mary, Mary, so quite contrary. Laubrock selbst offeriert verschmitzt und unprätenziös das, was Harry Lachner ihr als „rational-kühles Formgefühl“ bescheinigt hat. Wenn es da etwas Formelhaftes geben sollte, dann ist es gut versteckt in poetische Versponnenheit voller unvorhersehbarer Wendungen. Einige Spezialisten rümpfen die Nase, die Mehrheit einigt sich auf ein fachmännisches „Rockt wie Mutti“. [rbd]

Wer’s anders, vielleicht sogar ganz anders gehört hat, soll’s sagen.

Bis zum nächsten Mal
euer rigo

Michel Doneda – Roger Turner – John Russell

Konzertbericht von noba bei den Fränkischen Nachrichten

Michel Doneda (sax), Roger Turner (dr) und John Russell (g) mit spröden Geräuschen vor zahlreichem Publikum. Das Jubiläumsjahr begann spannend. Es grüßt Schorle