Konono Nº1

Konono Nº1 aus Kinshasa mit 3 Likembes und psychedelischem, schweißtreibendem Sound. Am Tag zuvor im Berliner Berghain, am 26.2. in Weikersheim …


Und hier der Konzertbericht von noba:

Hochenergetische Welle schiebt voran
Wann klingt etwas gut und schön? Über diese Frage gab es in Europa und in Afrika recht unterschiedliche Ansichten. Wir Europäer hatten es gern ohne störende Nebentöne, klangrein, sauber eben. In Afrika fand man obertonreiche Klänge besser. Da ist einfach mehr Leben drin. Das klirrt, schnarrt, raschelt und scheppert. Ein Musterbeispiel dafür ist die erste CD von „Konono No 1“, einer Gruppe aus dem Kongo, die seit einigen Jahren weltweit Furore macht. Beim Anhören fragt man sich unwillkürlich, wie dieser Sound zustande kommt. Eine raue, lärmende, hochenergetische Welle schiebt sich da voran, reißt, erst mal in Fahrt gekommen, alles mit.
Im club w 71 konnte man sich beim Auftritt von „Konono No 1“ ein Bild davon machen, wie dieser Gruppenklang entsteht. Das Bühnengeschehen und das Klangerlebnis standen in einem eklatanten Widerspruch: drei Männer mit Zigarrenkisten vor dem Bauch, ein paar Rhythmusinstrumente und Gesang: man würde einen dünnen, transparent wirkenden, folkloristischen Gruppenklang erwarten, nicht aber diesen bohrenden, hämmernden Sound den „Konono No 1“ auf der Bühne produzieren.
Es sind tatsächlich nur drei Daumenklaviere, die hauptverantwortlich für diesen Sound sind. Diese Likimbe genannten Instrumente sehen aus wie Zigarrenkisten, auf denen verschieden lange Metallzungen befestigt sind. Sie erzeugen einen perlend-klirrenden Klang, der von den Musikern mit selbstgebauten Tonabnehmern über Gitarren- und Bassverstärker gejagt und entsprechend aufgeblasen wird. Das verstärkt nicht nur die Lautstärke, sondern auch die miterzeugten Obertöne.
Dazu prasseln die Congas, ein Trommler treibt auf der Snare den Rhythmus voran und drischt auf ein Crash-Cymbal ein. Die Sängerin bearbeitet vier Glocken, wenn sie nicht am Bühnenrand die Hüften schwingt. Auch der Gesang, den sich alle teilen, kommt sehr rhythmisch. Der stete Wechsel von Ruf und Antwort macht klar, dass hier nicht um das Individuum geht, sondern um die Gruppe, oder um das Aufgehen des Einzelnen in der Gruppe. Wen das an Gospel erinnert, der dürfte so falsch nicht liegen, nur dass man sich bei diesen Gesängen nicht an die Kirche denkt. Etwas stark Rituelles, Magisches hatte die Musik sehr wohl, daraus bezog sie ihre Kraft. Die in drangvoller Enge agierenden Tänzer vor der Bühne ließen sich gern von diesem Sog mitreißen.
Und genau dieser Mix aus archaischem Ritual und Sounds, die wie ein nicht für möglich gehaltenes Bindeglied zwischen psychedlischem Rock und elektronisch erzeugten Klängen (Techno) wirken, machen „Konono No 1“ zu dem kulturellen Ereignis, das zwischen mythischer Vergangenheit und globalisierter Gegenwart vermittelt. Dafür – genauer: für ihre Kooperation mit Herbie Hancock, gab es kürzlich sogar einen Grammy.
Auf ihrer derzeitigen Europatournee beehrten sie das Berghain in Berlin, einen der angesagtesten Technoclubs weltweit. Die Liste ihrer prominenten Fans ist lang. All das spricht dafür, dass sie mit ihrer Musik einen Nerv getroffen haben. Auch im gesteckt vollen club w 71 fand sich ein buntes Publikum ein, Fans von Alternative Rock ebenso wie von Weltmusik.
Nach dem Konzert schickte Günter Gretz, einer der besten Kenner afrikanischer Musik, das Publikum mit Platten aus dem Kongo auf eine Zeitreise. Klassiker aus der kurzen, glücklichen Zeit der Loslösung von Belgien wie der „Independence Cha Cha Cha“ waren zu hören, dann wunderbare Aufnahmen aus der stilbildenden Zeit der großen Orchester von Tabu Ley Rocherau, Franco & O.K. Jazz und anderen, deren Musik mal für afrikanische Musik überhaupt stand. Und deren ausufernde Stücke nie ohne perlendes Single-Note-Gitarrenspiel auskamen, eine lebendige Erinnerung an den Sound des Daumenklaviers. 1977 soll es allein in Kinshasa 360 Orchester gegeben haben. Und heute: Wer hat in der jetzigen Situation im Kongo und anderswo in Afrika noch Geld für Gitarren und Bläser? Vermutlich hat es deshalb so lang gedauert, bis „Konono No 1“ entdeckt wurden, die mit einfachsten Mitteln die Leute zum Tanzen bringen. Und wie! Davon konnte man sich im club w 71 überzeugen!

CINC: Ken Vandermark (sax), Philipp Wachsmann (viol & electr) & Paul Lytton (perc) / Konzertkritik von Rigobert Dittmann

Wenn unser Sound-Schlocker so fleißig war und jede Menge feine Musik hier eingestellt hat, will ich natürlich nicht nachstehen. Hier ist meine Ausbeute an Fotos dieses feinen Konzertes über dessen Klasse sich ausnahmsweise mal alle Besucher einig waren. Ken Vandermark bürgt einfach jedes Mal für etwas Neues und Überraschendes findet Schorle


BROKEN ENGLISH
Die ‚englische‘ Spielart der freien Improvisation entstand vor gut 40 Jahren nicht zufällig zeitgleich mit Monty Python‘s And Now For Something Completely Different. Und zwar als Witz, der darin besteht, etwas extrem Verspieltes bierernst zu tun und damit Ornette Coleman & Co. zu überbieten – der Bezug auf Something Else!!!! und Change Of The Century liegt ja wohl auf der Hand. Bis heute halten die Veteranen mit ‚englischer‘ Härte und trockenem Humor – mit dem Gesichtsausdruck einer toten Pfanne, wie die Angelsachsen treffend sagen – an dieser selbstwidersprüchlichen Form von Humor fest. Und es funktioniert. Selbst KEN VANDERMARK, zu jung und zu amerikanisch, um eingeweiht zu sein, fällt darauf rein. CINC, seit 2004 eine seiner Annäherungen ans ‚Englische‘, ist am 18.02.2011 in Weikersheims Flüsterkneipe für seltene Genüsse quasi eine Verabredung, sich gegenseitig Schafsgesichter vorzumachen. Symptomatisch für die Anstrengung, das über Jahrzehnte durchzuhalten, ist, dass PAUL LYTTON zum Anwärmen erst noch massiert werden muss, und PHIL WACHSMANNs Rollenspiel als pompöser Geigenprofessor, komplett mit weinrotem Schal, der schafsgesichtige Ladies mit Kultur versorgt. So genüsslich, wie der 66-jährige Maestro stehgeigerische, immer wieder melodische Floskeln einstreut, als zarte Andeutung, als kleinen Nachhall, ist er mein Kandidat, der unter Folterandrohung sofort den Witz des Ganzen verraten würde. Vandermark dagegen würde sich in Stücke schneiden lassen und immer nur ernsthaft sich bekennen können zu höchstmöglicher Spielkunst an Klarinette und Tenorsax, zu kollegialer Rücksichtnahme und spontaner Kreativität. Lytton ist dagegen die harte Nuss. Spaß und Bierernst bleiben bei ihm ununterscheidbar. Er rappelt und nestelt mit einem Riesensortiment an Stöcken und Nadeln und Krimskrams, mit dem er raschelt, pingt und kruschpelt, im ständigen Hin und Her zwischen manischen, verhuschten, dynamischen, skurrilen Momenten. Ohne eine Miene zu verziehen, nicht einmal wenn er einem Holzfrosch aufs Haupt tockt. Wachsmann dagegen lächelt zuweilen versonnen. Als stiller Genießer von Vandermarks Poesie. Und wohl auch über seine eigenen Capricen. Was er mit einem Bogenstrich süß andeutet, spießt er mit dem nächsten auf als schrill quiekende Ratte, romantische Geigenträume zerpflückt er gleich wieder mit Pizzikato oder zerkratzt sie, dass der Bogen Haare lässt. Er krabbelt, quietscht und klopft so nonchalant, als gehöre das ganz selbstverständlich zum Geigenspiel dazu. Sehr schön sind auch seine elektronischen Echos, die den Tönen etwas mehr Volumen geben. Dass die Geige meist nur zwischen größeren Tieren grillt, ist für Wachsmann offenbar kein Problem. Er verstand es immer, sowohl kammermusikalische Konstellationen zu bereichern – das Stellari String Quartet etwa – als auch größere Formate – das LJCO, das King Übü Örchestrü, das Evan Parker Electro-Acoustic Ensemble. Vandermarks Klarinette kommt der Geige und überhaupt dem ‚Englischen‘ entgegen, vor allem wenn er kirrt und keckert oder dünne Löcher bohrt. Mit Tenorsax macht er das Trio hybrider. Seinen gefühligen Blueston zum Abschluss, den scheinen seine Partner aber nur aus Höflichkeit zu flankieren. Anstand bewegt die Drei auch, angesichts der punktuell großen Begeisterung im Publikum, zu einer kleinen Zugabe. Kunscht ist nun mal kein Aufschnitt – eine Lektion der Englischen Schule. Symptomatisch scheint mir auch, dass sich die Musiker für die Weiterreise mit hochprozentigem Obstler versorgen, und dass ebenso die Heimkehrer Schnaps den CINC-CDs vorziehen. Mein innerer Holzfrosch lächelt über dies und das.

Mit Hihi
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Und hier zum Weiterlesen der Link auf BAD ALCHEMY (Nr. 68 ist gerade erschienen).