CINC: Ken Vandermark (sax), Philipp Wachsmann (viol & electr) & Paul Lytton (perc) / Konzertkritik von Rigobert Dittmann

Wenn unser Sound-Schlocker so fleißig war und jede Menge feine Musik hier eingestellt hat, will ich natürlich nicht nachstehen. Hier ist meine Ausbeute an Fotos dieses feinen Konzertes über dessen Klasse sich ausnahmsweise mal alle Besucher einig waren. Ken Vandermark bürgt einfach jedes Mal für etwas Neues und Überraschendes findet Schorle


BROKEN ENGLISH
Die ‚englische‘ Spielart der freien Improvisation entstand vor gut 40 Jahren nicht zufällig zeitgleich mit Monty Python‘s And Now For Something Completely Different. Und zwar als Witz, der darin besteht, etwas extrem Verspieltes bierernst zu tun und damit Ornette Coleman & Co. zu überbieten – der Bezug auf Something Else!!!! und Change Of The Century liegt ja wohl auf der Hand. Bis heute halten die Veteranen mit ‚englischer‘ Härte und trockenem Humor – mit dem Gesichtsausdruck einer toten Pfanne, wie die Angelsachsen treffend sagen – an dieser selbstwidersprüchlichen Form von Humor fest. Und es funktioniert. Selbst KEN VANDERMARK, zu jung und zu amerikanisch, um eingeweiht zu sein, fällt darauf rein. CINC, seit 2004 eine seiner Annäherungen ans ‚Englische‘, ist am 18.02.2011 in Weikersheims Flüsterkneipe für seltene Genüsse quasi eine Verabredung, sich gegenseitig Schafsgesichter vorzumachen. Symptomatisch für die Anstrengung, das über Jahrzehnte durchzuhalten, ist, dass PAUL LYTTON zum Anwärmen erst noch massiert werden muss, und PHIL WACHSMANNs Rollenspiel als pompöser Geigenprofessor, komplett mit weinrotem Schal, der schafsgesichtige Ladies mit Kultur versorgt. So genüsslich, wie der 66-jährige Maestro stehgeigerische, immer wieder melodische Floskeln einstreut, als zarte Andeutung, als kleinen Nachhall, ist er mein Kandidat, der unter Folterandrohung sofort den Witz des Ganzen verraten würde. Vandermark dagegen würde sich in Stücke schneiden lassen und immer nur ernsthaft sich bekennen können zu höchstmöglicher Spielkunst an Klarinette und Tenorsax, zu kollegialer Rücksichtnahme und spontaner Kreativität. Lytton ist dagegen die harte Nuss. Spaß und Bierernst bleiben bei ihm ununterscheidbar. Er rappelt und nestelt mit einem Riesensortiment an Stöcken und Nadeln und Krimskrams, mit dem er raschelt, pingt und kruschpelt, im ständigen Hin und Her zwischen manischen, verhuschten, dynamischen, skurrilen Momenten. Ohne eine Miene zu verziehen, nicht einmal wenn er einem Holzfrosch aufs Haupt tockt. Wachsmann dagegen lächelt zuweilen versonnen. Als stiller Genießer von Vandermarks Poesie. Und wohl auch über seine eigenen Capricen. Was er mit einem Bogenstrich süß andeutet, spießt er mit dem nächsten auf als schrill quiekende Ratte, romantische Geigenträume zerpflückt er gleich wieder mit Pizzikato oder zerkratzt sie, dass der Bogen Haare lässt. Er krabbelt, quietscht und klopft so nonchalant, als gehöre das ganz selbstverständlich zum Geigenspiel dazu. Sehr schön sind auch seine elektronischen Echos, die den Tönen etwas mehr Volumen geben. Dass die Geige meist nur zwischen größeren Tieren grillt, ist für Wachsmann offenbar kein Problem. Er verstand es immer, sowohl kammermusikalische Konstellationen zu bereichern – das Stellari String Quartet etwa – als auch größere Formate – das LJCO, das King Übü Örchestrü, das Evan Parker Electro-Acoustic Ensemble. Vandermarks Klarinette kommt der Geige und überhaupt dem ‚Englischen‘ entgegen, vor allem wenn er kirrt und keckert oder dünne Löcher bohrt. Mit Tenorsax macht er das Trio hybrider. Seinen gefühligen Blueston zum Abschluss, den scheinen seine Partner aber nur aus Höflichkeit zu flankieren. Anstand bewegt die Drei auch, angesichts der punktuell großen Begeisterung im Publikum, zu einer kleinen Zugabe. Kunscht ist nun mal kein Aufschnitt – eine Lektion der Englischen Schule. Symptomatisch scheint mir auch, dass sich die Musiker für die Weiterreise mit hochprozentigem Obstler versorgen, und dass ebenso die Heimkehrer Schnaps den CINC-CDs vorziehen. Mein innerer Holzfrosch lächelt über dies und das.

Mit Hihi
r
Und hier zum Weiterlesen der Link auf BAD ALCHEMY (Nr. 68 ist gerade erschienen).

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