Ab Baars Trio

Zum Auftakt der Clubsaison am Freitag, 16.9.2011 bot das holländische Traditionstrio eine unterhaltsame, abwechslungsreiche und höchst spannende Mischung. Nicht die clubübliche Neue Improvisationsmusik (eher am Klassischen Jazz orientiert) haben Ab Baars an den Saxofonen und der Bambusflöte, Wilbert de Joode am Kontrabass und Martin van Duynhoven am Schlagzeug das zahlreich erschienen (Stamm)publikum dennoch überzeugt. Schorle


Drei coole Free Jazzer mit Formgefühl
Weikersheim. Es geht also auch anders: Free Jazzer können Formgefühl zeigen, cool und sogar schick sein, und sie können sogar Notenpulte vor sich stehen haben. So geschehen beim Konzert des Ab Baars Trio im club w 71, das so manches Vorurteil über den aktuellen Jazz geraderücken konnte.
Eine Dagegen-Haltung ist tatsächlich bei vielen Musikern in der Szene anzutreffen: es zählt die Musik und innere Werte, kein schnöder, oberflächlicher Chic.
Dass der Jazz auch mal für was anderes stand, daran erinnerte der Auftritt der Holländer. Alle drei waren sie schlacksig, bebrillt und cool, ein bisschen so, wie man sich den intellektuellen Hipster vorstellt.
Schlagzeuger Martin van Duynhoven könnte mit seinen 69 Jahren und seinen gestreiften Hosen den Stones die Schau stehlen. An diesem Abend hat alles Stil und Understatement.
Ab Baars moderiert die einzelnen Stücke mit lässigem Humor, gibt knappe Angaben zu der Art der Inspiration, die er bei den einzelnen Kompositionen hatte: ein Gedicht des Beatdichters Robert Creely, Ballettmusik von Igor Strawinsky. Eine Hommage an einen vergessenen Saxophonisten des Jazz.
So unterschiedlich die Inspiration, so formal abwechslungsreich die Musik. Kein Stück gleicht dem anderen. Ab Baars spielt Tenorsax, Klarinette und die japanische Sakahachi-Flöte.
Durch Studium verschiedenster Vorbilder hat er sich ein Riesenrepertoire an Ausdrucksmöglichkeiten verschafft, in dem die Geschichte des Jazz aufblitzt. Rauhe Tenorsaxattacken, weiche Klarinettenlyriszismen, abstrakter Bebop, der modernistische Kammerjazz eines Jimmy Guiffre. Man spürt die Ernsthaftigkeit und Tiefe des Unterfangens. Ab Baars geht es nicht um postmodernistisches Kurzmal-Aufgreifen, was gerade in den Kram passt, sondern um eine echte Auseinandersetzung mit dem von ihm geschätzten Material, das Geschichte und Gegenwart des Jazz und anderer Musikstile zu bieten haben. Die tiefe Verbundenheit des Fans spricht aus seiner Musik ebenso wie der Wille, in dieser Auseinandersetzung zu wachsen, die Musik zu seinem eigenen Statement zu machen.
Mit Wilbert de Joode, einem der besten und gefragtesten Bassisten der Szene, und Martin van Duynhoven hat er kongeniale Partner. Begleiter wäre das falsche Wort. In der Trio-Formation gibt es kein Verstecken – bei soviel Transparenz muss jeder präsent sein. Wilbert de Joode zeigt einmal mehr, welches Universum der Kontrabass klanglich zu bieten hat. Martin van Duynhoven besticht durch präzisen Minimalismus. Hier spielt nicht das Tier aus der Sesamstraße, sondern einer, dem es um die pure Essenz des Rhythmus‘ geht.
Die einzelnen Stücke des Trios wirkten sehr geschlossen: man hätte sie für durchkomponiert halten können. Die Möglichkeit, einen Blick auf die Noten zu werfen, zeichnet Konzerte in kleinen Clubs wie dem club w 71 aus, in denen die direkte Begegnung mit dem Künstler zum Programm gehört. Dieser Blick auf die Noten konnte Verwunderung auslösen: da waren für jedes Stück nur ein paar Takte aufgezeichnet!
Die eigentliche Kunst dieses Trios bestand darin, diesen Ausgangspunkt nicht nur als Sprungbrett zu nehmen, um solistisch abzuheben, sondern auch als Rahmen, der dem Zusammenspiel eine Form und Geschlossenheit gibt- weitab von der Ödnis vorgefertigter Formeln.
Das Publikum wusste es zu danken: Am Ende musste Ab Baars feststellen, dass er für dieses Konzert in der Provinz zu wenig CDs mitgebracht hatte. nb (in der FN vom 27.Sept.)

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