ADA-Trio: Peter Brötzmann, Fred Lonberg-Holm, Paal Nilssen-Love

Rigo (bad alchemy) hat wieder die passenden Worte zu diesem wunderbaren Konzert gefunden:

ADA or Ardor

Naja, wegen Nabokov sind wir eigentlich nicht unterwegs, am Mittwoch, dem
15.2.2012, auf der B 19 nach Weikersheim, auf der wider Erwarten eine kleine
Schneedecke unsere Anfahrt verlangsamt. Aber Schmetterlinge habe ich schon im Bauch.
Als ein Wintergewitterchen Blitze um sich wirft, zuckt der Gedanke mit: Ach, das Objekt
unserer Begierde ist noch beim Soundcheck. Unsere ADAs haben ihren Namen von einem
Club in Double V Upper Valley und einem dortigen Heimspiel von PETER BRÖTZMANN mit
PAAL NILSSEN-LOVE und FRED LONBERG-HOLM. Brötzmann im W71 ist natürlich auch
ein Heimspiel, sein 11. Auftritt im tauberfränkischen Partnerstädtchen von Chicago, Oslo
und Wuppertal. Mit der Rotwein- und Kuchengemütlichkeit ist es vorbei, als Brötzmann mit
einem Blick Richtung Paal und Fred Captain Picards Kommando „Energie!“ gibt und Kurs
auf das Herz der Sonne nimmt. Nach nur wenigen Takten ist das Tenorsax auf höchster
Betriebstemperatur. Eine gute halbe Stunde später hat Brötzmann immer noch keinen
Schweißtropfen auf der Stirn. Dabei strahlt und gießt er mit weißglühenden Tönen bis zum
hohen C eine Intensität und Energie aus, die aber wie die Protuberanzen der Sonne keine
Arbeit zu sein scheint, sondern sein überschießendes Wesen. 3 Wochen vor seinem 71.
Geburtstag wirkt der große Feuersalamander beeindruckend feuerfest. Seine heißkalten
Echsenzungenküsse überschauern mich mit Gänsehaut. Nilssen-Love, den Kopf in seiner
typischen Manier ins Profil gedreht, blitzgewittert dazu, dass auf seinem taubengrauen
Hemd bald Hyänentüpfel blühen. Was er da knattert und ins Rollen bringt, manchmal so
groovy wie Han Bennink, öfters aber mit seinen eigenen Maximalismen, verwandelt mich in
einen Wackeldackel, der zugleich verwundert den Kopf schütteln und Headbangen muss.
Der Reihe vor uns, soweit sie nicht anerkennend grinst wie Rudi, geht es offenbar ebenso.
Der Norweger rummst gewittrige Kaskaden, rock’n’rollt mit Holz und Filz, kreuzfeuert
knallhart aus den Handgelenken. Die Becken zischen, als würde er den Hund in der
Pfanne mit Wasser bespritzen, er kratzt das Cymbal bis es quietscht, boingt den Gong,
das volle Programm. Der Cellist aus Chicago, ein magerer Hering mit Wollmütze, braucht
ein Weile, um sich ins Geschehen hinein zu fingern. Mit dem Bogen, der die Haare an
beiden Enden sträubt, sägt er dann aber richtig dicke Bretter, dass es nur so staubt. Er
arbeitet mit Hochdruck, schrill, raspelig, durchdringend. Zudem schraubt er an Effektschaltern
und ist auch elektronisch präsent, um ein Drumsolo rumorend zu unterstützen.
Er und Nilssen-Love und der wiederum mit Brötzmann kosten nämlich lieber ihre Lust am
Zusammenklang aus, als zu monologisieren. Wie das Saxophon da kakophone Celloschraffuren
imitierend aufgreift, ist nur ein Höhepunkt von vielen. Brötzmanns Tárogatótriller
im zweiten Set sind das einzige A capella-Solo, und was für ein poetisches dazu.
Raue Schale, weicher Kern wäre dafür zu banal gesagt. Der Gänsehautgarant ist vielmehr
dieses souveräne Changieren zwischen furiosem Drive und harmonischen, gefühlsechten,
inbrünstigen Unterströmungen. Lonberg-Holm schrappelt inzwischen Gitarre, eine 4-,
upps, eine 3-saitige. Nicht zufällig enden die einzelnen Spannungsbögen hauchzart. So
dass jeder Lauscher, jede Lauscherin, den Atem anhält bis Nilssen-Love das vibrierende
Becken stoppt. Draußen Glatteis. Aber was juckt das uns in Feuer und Flammen versetzte
Heimkehrer. ‚Ardor‘, Glut, heißt es bei Nabokov. So wie wir nach dieser Brötzifikation
müssen sich die Apostel an Pfingsten gefühlt haben.

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