Digital Primitives

DIGITAL PRIMITIVES

Wir lassen uns am 9. April 2012 nach Weikersheim zur zweiten Hälfte des INTENSIV 3 Festivals locken, weil schon der Name des Programmpunktes einen kontrastreichen Ostermontagabend verspricht. Dass uns eine Zeitreise durch 6016 Jahre Jazzgeschichte erwartet – wer hätte das geahnt? COOPER-MOORE, ein äußerst vitaler Mittsechziger, spielt nämlich beim Zwischenstop auf dem Weg von Bilbao nach Paris nicht nur die Selbst¬bauinstrumente, für die er bekannt ist, den Didley-Bow, ein uriges Banjo und einen Mund¬bogen, wie er schon auf Höhlenmalerei des Magdalénien zu sehen ist, er spielt auch einen Geschichtslehrer, der seine Lektionen mit jeder Faser seines musikalischen Wesens ver¬körpert. Den Einstieg macht ein Fife & Drum-Duo mit CHAD TAYLOR, den wir so elegant und konzentriert schon vom Chicago Underground Duo her schätzen. Die schrille kleine Trommelflöte blies in der Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges den Miet- und Zwangssöldnern aus Hessen und Ansbach den Marsch in den jungen Tod. Als Pfeifer und Tambour rekru¬tierte Sklaven verwandelten den Sound nach dem Krieg in Partymusik – eine der Urformen des Dschäss. Danach führen Taylor und ASSIF TSAHAR, ein Tenorsaxophonist mit Wurzeln in Tel Aviv, vor, wie dieser Jazz heute klingt – wild und zugleich melodiös, mit schönheitstrunkenem Kopf das Freiheitsfeuer in der Faust. Lektion 2 ist ein zweites Duett für Schwegelpfeife und Trommel, aber Taylor darf jetzt nur Besen benutzen für zarte Streicheleinheiten zu einer Flötenmelodie, die sich als alter Billie Holiday-Song entpuppt. Vereint zum Trio tanzt Cooper-Moore dann mit allen Vätern und Müttern des Jazz. Taylor trommelt über die Felle wie ein Gepard, der sein Revier absprintet, und wechselt im Handumdrehen Tempo und Takt, von temperamentvollem Rhythm & Blues zu metrisch gevierteltem Rock zu Samba-Groove. Kernmotiv ist ‚Over the Rainbow‘. Tsahar ’singt‘ es lauthals und schwelgerisch in vielen Variationen, reimt ‚lullaby‘ auf ‚high‘ und ‚why can’t I‘ so frischgrün, wie vor Judy Garland in Oz nur Eva in Eden es hätte singen können. Dort nämlich steuert Cooper-Moore in seiner Geschichtsstunde hin, wenn er nach den wundersamsten Melodien und Rhythmen auf seinem sonoren Monochord und den furiosen Mojo-Sounds auf dem elektrifizierten Banjo sich einfach selbst zum Instrument macht. Singend, schreiend im exaltierten Duett mit dem rauen Tenorsax wird er zum ‚Ur¬menschen‘, zu Adam ben Lucy, der seine Lebendigkeit herausschreit. Damit nicht genug, erteilt er jetzt auch noch ganz andere Lektionen: Bankster müssen erschossen, Blut¬sauger am nächsten Baum aufgehängt werden, damit die Sklaverei nicht wiederkehrt. Und sei’s geklagt: Jazz has no Mother anymore. Jazz ist nur noch ein Wort, das auf seinen 4 Buchstaben hockt und den neuen Mastern gefällig sein will. Die Jazz-Unis haben Jazz dazu gebracht, seine ‚primitiven‘ Eltern zu vergessen. Dabei muss man sich freilich die Mama so sexy vorstellen wie das ‚Baby‘, von dem Cooper-Moore bei seinem Mouthbow¬blues schwärmt. Bringt mir den berühmtesten dieser Pseudojazzer, ruft er, und wir fegen ihn von der Bühne. Ohne sich lange bitten zu lassen, bekommt man diese Zugaben einfach so. Und obendrein ein allerletztes Statement a capella: We are so happy, we are so happy, we are so happy to be ALIVE! Das A und O aller ‚Human Music‘. Es lernt sich kinderleicht in der Zwergschule Weikersheim. [rbd/BAD ALCHEMY]

Cooper-Moore / Assif Tsahar / Chad Taylor: University Kills Jazz. oder Eine Reise durch die Jazzgeschichte vom Revolutionsmarsch zum New Thing.

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