Konzert mit Rupp/Müller/Fischerlehner am 18. Januar 2013 von Rigobert Dittmann/bad alchemy

Es hat lange gebraucht, um am 18.01.2013 endlich mal wieder nach Weikersheim zu kommen. Aber ein Trio von derart bad alchemystischem Zuschnitt zu verpassen, das konnte, das durfte nicht sein. Olaf Rupp, der den Weg von Berlin zur wohl heimeligsten Adresse für außerordentliche Musik inzwischen schon ganz gut kennt, hat den Posaunisten Matthias Müller und den Drummer Rudi Fischerlehner mitgebracht. Mit Jahrgang 1971 und ’77 gehören sie einer Improviser-Generation an, für die es nichts gibt, was es nicht gibt. Müller bläst mit Superimpose, The Astronomical Unit, Trigger und dem Foils Quartet umeineinander, also mit Kapazitäten wie Clayton Thomas, Chris Heenan, John Edwards und und und, als Posaunenglanzterzett mit Johannes Bauer und Christof Thewes, im Ensemble Xenon mit einem Bein freiwillig auf einem Notenblatt, und in Blisk auch schon mit Fischerlehner. Der klappert und tickelt ansonsten mit Pinx und Fiium Shaarrk, und wie ich ihn da erstmals live in Aktion sehe, kommt er mit vor, als hätte er Alles, was je an den Plinkplonkstrand gespült wurde, aufgesammelt und würde darüber mit wissenschaftlicher Sorgfalt herrschen. Mit Scheuerdraht, mit dem man Töpfe reinigt, poliert er die Toms, er raschelt und tickelt mit Krimskrams und Stöcken in verschiedener Dicke, klimbimt und rappelt mit allerhand Blechen, mit Haken und Ösen, mit Rundungen und Kanten. Um mitten in solcher Klangfarbakribie und Burkhard-Beinserei im lockeren Handumdrehn drauflos zu marschieren und zu rocken wie ein junger Han Bennink, komplett mit Ferse auf der Snare. Und schon ist er wieder zurück bei der Feinarbeit. Müller schmaucht derweil zirkulargepustete Dauerdrones, überbläst oder schmurgelt mit Dämpfern in allen Größen. Dabei ist er doch nur ein Schmalhans, dessen kleinkarierte Außenseite aber einen Ausbund an knörigen und knurrigen Dynamiken zusammenhält, bis runter zu tonlosen Luftstößen. Und all das, ebenso wie Fischerlehner, mit einem Understatement, aus dem sie sich gleich mehrere graue Anzüge schneidern lassen könnten.

Dazwischen Rupp, unten Turnschuh, oben halb Popeye, halb Buddha, dazwischen das Virtuoseste, was sich die Gitarre gefallen lässt. Sie muß, das grüne Stück, Rupp hat es fest im senkrechten Griff à la Flamenco. Und er bekrabbelt und beharft es mit der lang bekrallten Rechten mit superschnellen Arpeggios. Ständig unterdrückt er den Nachhall, um Zeit zu gewinnen für weitere Notenkompressionen auf engstem Raum. Dazu gibt es aber auch ganz zartes Blinken, ein vorsichtiges Tupfen und Streicheln. Mir sticht aber vor allem seine Entschlossenheit ins Auge, die festen und bestimmten Griffe. Als würde er da von innen heraus seine eigenen Freeman Etudes diktiert bekommen. Als ob die hyperkomplexen Muster nur so, mit genau diesen Glissandos, exakt diesen Stakkatos im dreifaltig crescendierenden und diminuierenden Morphing verfugt und verschachtelt sein könnten. Der Grundzug des Freispiels, nämlich ein endloses Gespräch zu sein, ein sich selbst generierender ergebnisoffener Prozess, wird dabei fast ein wenig oxymoronisiert. Rupp taucht nach dem Verhallen der jeweils letzten Stecknadel aus seiner Versenkung auf wie aus einer anderen Welt und ersetzt das ihm ins Gesicht kalligrafierte Kanji für Konzentration durch das für Zufriedenheit. Zufrieden über etwas, das zwischen teilchenphysikalischem Pingpong und intelligentem Schwärmen vexiert. Ich lasse mir die kitzligen, womöglich aber gar nicht witzig gemeinten Finessen gefallen, weil sie das, was ist, viel weniger starr erscheinen lassen als ich es gewöhnlich wahrnehme.

Aber dann gibt es immer wieder auch rasante Rucks über das Kleine & Feine hinaus, mitreißendes Geprassel und Growling, das den Jackpot knackt und Serotonin ausschüttet. Dazu dann noch dieses w71-spezifische Drumherum, diesmal mit Ulrichsberger Kaleidophon-Reminiszensen, seltsamen Geräuschen als die Rede auf Baby Sommer kam, ökofeministischen Ausführungen zu Wolfes In The Throne Room und verdammt rauchigem Scotch. Und auf der Heimfahrt dann Dillinger Escape Plan. Das nenn ich einen ordentlichen Freitag.

ba

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