Nate Wooley Quintet am 15.3.2014

Unser Freund Rigobert Dittmann („bad alchemy“) hat uns anlässlich des Konzerts mit dem Nate Wooley Quintet besucht. Im Folgenden seine Eindrücke.

WOOLEY WHO? … AVEC MOI?
Zu sagen, dass seit gestern Abend (15.03.2014) keine Fragezeichen mehr hinter NATE WOOLEY stehen, wäre nicht ganz richtig. Aber es sind jetzt andere geworden. Ich hatte den Trompeter kennengelernt mit Blue Collar und im Duo mit Paul Lytton und einsortiert als einen Extremisten seines Instrumentes. Er zeigte seither seine Furchtlosigkeit im Spiel mit Chris Forsyth oder Weasel Walter und erreichte im Duo mit Peter Evans, das sich in Donaueschingen präsentierte, den Trompeterolymp. Gestern aber eröffnete er im QUINTET mit Josh Sinton an der Bassklarinette, Matt Moran (vom Claudia Quintet) am Vibraphon, Eivind Opsvik am Kontrabass und dem aus Toronto stammenden, mit Opsvik und Wooley durch sein eigenes Canada Day-Quintett vertrauten Harris Eisenstadt an den Drums gleich beide Sets jeweils mit Stücken des jungen Wynton Marsalis. 1985 war, wie Wooley erläutert, Black Codes (From the Underground) als Cassette, mit der sein Vater den sommercamptraumatisierten 11-jährigen versöhnen wollte, ein wegweisender Eindruck gewesen. Inzwischen ist es ein ideologisches Minenfeld, das Wooley entschärfen möchte. Überhaupt steckt hinter dem alttestamentarischen Bart ein Friedens- und Freundschaftsengel, der mit seinen Bebop- und Hardbop-Rückgriffen das erstaunlich zahlreiche Samstagabendpublikum verführerisch mitnimmt auf hyperartistische Trompetentrips, mit Überblasschreien und getrillerten Flatulationen, über die sogar Sinton grinsen muss. Gerade noch ganz ‚jazzig‘, ganz ‚in‘, und ein paar Takte später mit dem gleichen Selbstverständnis weit ‚draußen‘. Auch Sinton verrät die Pfiffigkeit hinter seinen blassen Hängebacken, wenn er sein Instrument als Querflöte pustet. Kakophone Spitzen werden gedämpft durch Morans euphonen Klingklang, durch die frauenversteherischen Lyrismen von ‚Shanda Lea‘ und den strukturierenden Handlauf, der durch den Abend führt. So bilden nicht nur die Marsalisversionen jeweils ein Portal, dem Bläserduett des ersten Sets entspricht ein bläserloser Segelflug im zweiten, wobei Eisenstadt das Fell mit der bloßen Hand streichelt und die Luft nur fächelt, Opsvik die Saiten mit dem Bogen summen lässt und auch Moran die Vibes mit einem Geigenbogen in Schwingung versetzt. Auch ‚Plow‘ mit Opsviks Pizzikatopoesie und durchwegs schmusigem Duktus und ‚Executive Suites‘, bei dem Moran mit seinem glasperlenspielerischen Geklingel glänzt, bilden ein Paar, wie Wooley mit seinen durchwegs launigen Introduktionen erklärt. Für beide Titel fungierten nämlich alte Freunde als Namensgeber, wobei ‚Plow‘ (ein Restaurant) ein für Wooley inakzeptables ‚Santa Cruz‘ ersetzte, und ‚Executive Suite‘ (ein Hotel) furztrocken unterschlägt, dass da vor dem Fenster ein Tanklastzug brannte. Als die am schnellsten bewilligten Zugaben ever bieten die längst durch den Beifall wiederbelebten Tourstress-Zombies – Weikersheim war ihr Zwischenschritt auf dem Sprung von Copenhagen nach St. Johann in Tirol – das träumerische ‚My Story, My Story‘ (ebenfalls von (Sit in) The Throne of Friendship). Mit Glockendingdong von Moran und erst gedämpft zirpendem, dann wieder offenem, aber durchwegs melancholischem Trompetenklang. Und zuletzt dann noch ‚Old Man on the Farm‘, 1977 von Randy Newman geschrieben, hier aber ziemlich wooleyfiziert, so wie er ja auch Marsalis Respekt erweist, indem er ihn nicht imitiert. Es gibt sicher herausfordernde Musik, Musik, die, mit Thomas Brasch gesagt, nicht verhandelt, wohin man denn in Urlaub fahren, sondern wie man sein Leben führen will. Aber auch massenweise verdummendere.
rbd

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