Nachtrag zu Brötzmann-Swell-NilssenLove

Bericht von Rigo Dittmann/bad alchemy

Ich wäre ein Narr, wollte ich den Eindruck anders widergeben als mit einem lautmalerischen tatatatataTATATA picpacpamPACPACPICpampampac uuuuuuuuuuuuuuu !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Oder besser noch mit einer Seismographie.
Ich sitze nämlich ganz vorne und nehme mit der Schuhsohle von der Bühnenkante durch und durch die Erschütterungen auf, die der norwegische Trommler dauerbeben lässt. So nah dran ist das Schweißtreibende seines Krawalls nicht zu übersehen. Obwohl ich ihn schon so oft bei der Arbeit zusah, erstaunt mich doch wieder, wie vielfältig er seinen Kraftakt ausdifferenziert, mit einem Sammelsurium an Stöcken, Schlägeln, Besen, mit Kratzern, mit Seitenhieben, Tupfern, pumpernder Basstrommel, jetzt mit Filz, jetzt mit Holz. Er tschengt mit chinesischem Gong, pingt mit Metallscheibe, rappelt, kritzt und tapst mit Schalen, Deckeln, Holzkistchen, und es ist einfach nur zum Grinsen, wenn er das Becken mit der bloßen Faust bedongt. Nie lang fummelig, schnell wieder treibend, rollend, flickerflackernd, mit Ausrufezeichen, wenn’s der Moment verlangt, dazwischen mit Gedankenstrichen, wobei der nächste scharfe Schub nicht lange auf sich warten lässt. Und immer mit seitlich gedrehtem Gesicht, als könnte er nicht mit ansehen, was er da treibt.
Steve Swell ist nur live neu und erweist sich als fitter Vertreter des Jahrgangs 1954, der in guter Roswell Rudd-Tradition mit markantem Hüftknick seine Posaune so nachdrücklich schüttelt und auswringt, dass sie knatternd, röhrend. pressend und knörend immer wieder fast den Boden streift. Er hat in New York mit Tim Berne’s Caos Totale, Lou Grassi’s PoBand, Gebhard Ullmann Basement Research, Ken Vandermarks The Resonance Ensemble und auch als Leader vor allem in der CIMP-Szene und insbesondere mit Slammin‘ The Infinite ein dynamisch-impulsives Mundwerk entwickelt, so dass er nur selten zu den Dämpfern greift und dennoch klangfarbreich und rotzig auftrumpft. Wie ein etwas schmächtiger, aber furchtloser Boxer, der seine Chancen im Infight sucht.
Und unser weißgrau beschnauzte Meister? Der treibt wieder Herzblüten, abwechselnd mit Tarogato, Tenorsax oder seiner metallenen B-Klarinette (wie sie Lester Young gespielt hat). Elegisch-lyrische Protomelodien, mit charakteristischem Vibrato, von den Lippen gerüttelt, mit Wischern über die Tonlöcher getrillert und gekollert. Selbst wenn er mit dem Tenor hymnisch raspelt, bleibt die Körpersprache souverän und die Stirn verblüffend schweißfrei. Es genügt, wenn er ein wenig auf Swell oder PNL zugeht, um einen bluesbrüderlichen Bund zu schließen oder den Katarakt aufrauschen zu lassen. Vor allem der Klarinettenton von sonorem Alt bis zu flötenspitzen Stichen hat es mir angetan. Brötzmann kommt mir vor wie ein Schliemann, der sich in seinem Troja durch die Ben Webster- und die Prez-Hawk-Schichten bis auf die freie Weide gräbt, wo wettergegerbte Graubärte ihr vogelfreies Sinnen in Flötentöne verwandelten und mit den Ziegen teilten. Brötzmann spielt gern im W71, und wir spielen ja auch nur zu gern seine kleine Herde, die gerade so in den Club passt. Er findet bei uns RESPECT (und mehr), weil er und seine Mitstreiter uns nicht vergessen lassen: The fundamental things apply. Umso mehr in Zeiten der Entsolidarisierung und, symptomatisch, des Gagendumpings, mit dem nachdrängende Musiker altgedienten das Leben erschweren (wie B. blauäugiger Heldenverehrung entgegenhält). Und umso notwendiger, je mehr der Sinn für das Notwendige und die von der Nachkriegsgeneration daran geknüpfte Gretchenfrage schwindet.

Advertisements