Andreas Zumach: „Vernichten, verhandeln oder anerkennen – wie soll die internationale Gemeinschaft (UNO) mit dem IS umgehen?“

Hier der Bericht von Bettina Semrau aus den Fränkischen Nachrichten

VORTRAG IM CLUB W 71: UNO-Korrespondent und Nahost-Sachkenner Andreas Zumach brachte Licht in ein undurchdringlich scheinendes Dickicht

„Bomben machen den IS nur stärker“

Von unserem Redaktionsmitglied Bettina Semrau

Wir, der Westen, sind der größte Feind des so genannten „Islamischen Staats“? Falsch. Israel vielleicht? Nein, auch nicht. Im „club w 71“ bekam man jetzt zum Nahen Osten Wissen aus erster Hand.

zumach semrau

WEIKERSHEIM. Andreas Zumach, geboren 1954 in Köln, ist studierter Journalist und Volkswirtschaftler. Seit fast 30 Jahren ist er UNO-Korrespondent und arbeitet am europäischen UN-Hauptsitz in Genf für verschiedene Print- und Hörfunkmedien. Die Länder, über die er schreibt, hat Zumach auch selbst bereist, mit Menschen gesprochen, die Geschichte gemacht und unter ihr gelitten haben und leiden.

Bekannt wurde der Preisträger des Göttinger Friedenspreises im Jahr 2003 als Kritiker des dritten Golfkriegs. Dieser „völkerrechtswidrige Krieg“, das wurde bei seinem Vortrag im club w 71 deutlich, ist für ihn bis heute die entscheidende und fatale Keimzelle von Hass, Gewalt, Krieg und Terror im Nahen und Mittleren Osten.

Damals hatten die Amerikaner nach dem Sturz von Saddam Hussein, ein Sunnit, im Irak die Sunniten aus sämtlichen Ämtern entfernt. „Ein grandioser, kapitaler Fehler einer Besatzungmacht“, ist Zumach überzeugt. Der folgenden sunnitischen Aufstände versuchten die USA durch die Bewaffnung der Schiiten Herr zu werden. Das war die Geburtsstunde des IS, dessen Vorläufer jetzt im zerstörten Sunnitengebiet die Infrastruktur wieder aufbauten und Schutz gegen schiitische Milizen boten. Und hier liegt auch die Antwort auf die eingangs gestellte Frage: Der größte Feind des IS ist weder der Westen, noch Israel, sondern die Schiiten.

Der club ist an diesem Donnerstagabend gut gefüllt, die Zuhörer, wie man an der sich anschließenden Diskussion merkt, interessiert und politisch gut informiert, was aber gar nicht nötig gewesen wäre. Denn Andreas Zumach ist ein absoluter Vortragsprofi. Er spricht frei, druckreif, ganz klar strukturiert und so, dass ihm auch ein politischer Laie ohne Probleme folgen könnte. Man merkt: Der Journalist schöpft aus einem riesigen Reservoir an Wissen, hat die tieferen Ursachen für die Konflikte erforscht und aus vielfacher Sicht betrachtet und liefert für alle seine Thesen, die nötigen Hintergründe und ausreichend detaillierten Vorgeschichten.

Er will an diesem Abend, so wie er sagt, „Licht ins Wirrwarr bringen“, „sortieren, Schneisen schlagen“ in das unheimlich kompliziert scheinende Dickicht einer konfliktgeladenen Region. Und das gelingt ihm vorzüglich. „Vernichten, verhandeln, anerkennen oder austrocknen – wie soll die internationale Gemeinschaft (UNO) mit dem IS umgehen?“, war Zumachs Vortrag überschrieben. Nacheinander ging der Journalist die möglichen Optionen durch, zunächst den aktuell laufenden Versuch, den IS durch Luftanschläge zu „eliminieren“, wie es der französische Präsident François Hollande nach den Anschlägen in Paris formuliert hatte.

Ein Krieg sei damit allerdings nicht erst „begonnen“ worden, unterstrich. Das könnte nur behaupten, wer „in den letzten 14 Jahren geschlafen“ hätte. Im Nahen Osten herrsche Krieg seit dem 12. September 2001. Gemessen an seinen Zielen, Al Qaida und damit den Terrorismus zu überwinden, sei dieser aber „restlos gescheitert“, urteilte der Sachkenner. Stattdessen habe der Krieg das Problem um ein Vielfaches verstärkt: Der Konflikt hat sich geografisch massiv ausgeweitet. Neben Afghanistan sind heute auch Pakistan, Somalia, Libyen, Mali, Irak, Syrien und der Gaza-Streifen beteiligt. Zehntausende unschuldige Opfer haben ihr Leben gelassen, der Terror ist so schlimm und die Terroristen so mächtig wie nie. „Für jeden getöteten Terroristen“, schätzt Zumach, „kommen zehn neue nach“. Verhandeln hält Zumach zwar für eine sinn- aber nicht für eine wirkungsvolle Option. Warum? Weil der IS keine konkreten politischen Forderungen stelle und gar nicht verhandeln wolle. Der IS schaffe stattdessen Tatsachen, wie das Ausrufen eines Kalifats auf irakischem Gebiet und in Teilen des benachbarten Syriens. Dieses werde stetig konsolidiert und ausgebaut mit dem Ziel, einen grenzübergreifenden islamischen Staat zu schaffen.

Auch für eine Anerkennung plädiert Zumach nicht, wenngleich dieses Szenario aufgrund der wachsenden Bedeutung des IS für Zumach „durchaus denkbar wäre“. Schließlich sei „die Ausstrahlung des IS viel größer als das im Westen klar ist“.

Allein das „Austrocknen“ ist für Zumach ein erfolgversprechendes Mittel. Damit müsse so schnell wie möglich begonnen werden, „weil der Syrienkrieg der wichtigste Nährboden des IS ist und ihn nur stärker macht“. Doch was heißt „austrocknen“? Alle mittelbar beteiligten Staaten, also die USA, Russland, Iran, Türkei, Katar oder Deutschland müssten dafür ihre kriegsunterstützenden Aktionen einstellen: Bombardierungen, Waffenlieferungen, die Ausbildung von Kämpfern oder auch die Erlaubnis, Öl zu verkaufen.

Die Chancen, dass das passiert, stünden im Moment „so gut wie in den letzten vier Jahren nicht“, gibt sich Zumach „vorsichtig optimistisch“. Nicht nur, weil endlich der Iran mit am Verhandlungstisch sitzen würde, sondern auch, weil Europa durch die Flüchtlingsproblematik unter Verhandlungsdruck stehe.

Danach müsse man alles daran setzen, um den Ländern des Nahen Ostens nach „400 Jahren osmanischer Kolonialpolitik“ zur Selbstbestimmung zu verhelfen, sie politisch und wirtschaftlich zu stabilisieren, das immense Modernisierungs- und Aufklärungsdefizit zu beheben. Dieses, so Zumach, sei der eigentliche Nährboden für islamistisch geprägten Terrorismus. Hierbei könne Deutschland dann eine wichtige Rolle spielen.

© Fränkische Nachrichten, Samstag, 19.12.2015

 DER ERBITTERTE KONFLIKT ZWISCHEN SUNNITEN UND SCHIITEN

Die Sunniten und Schiiten bilden die zwei größten Glaubensrichtungen im Islam.

80 bis 90 Prozent der Muslime weltweit sind Sunniten.

Nur in wenigen Ländern stellen Schiiten die Mehrheit. Dazu zählen Iran, Irak (60 Prozent Schiiten) und Bahrain.

Der Streit ist alt: Er entbrannte im siebten Jahrhundert um die Nachfolge des Propheten Mohammed.

Die Mehrheit der Muslime wollte den Nachfolger frei bestimmen.

Die Minderheit forderte, dass er aus Mohammeds Familie stammen müsse und legte sich auf seinen Vetter Ali fest. Die Anhänger nannten sich „Schiat Ali“, Partei Alis, aus der sich später der Begriff „Schiiten“ entwickelte.

Der Begriff Sunniten leitet sich von Sunna, den Überlieferungen des Propheten, ab.

Die sunnitische Extremistengruppe IS betrachtet die Schiiten als Ketzer und will sie „ausmerzen“.

Das Königreich Saudi-Arabien sieht sich als Schutzmacht der Sunniten, der Iran als Interessenvertreter der Schiiten. Beide kämpfen um die Vorherrschaft im Nahen Osten. sem

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